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Wenn du an die europäische Kultur denkst, könnte die
Renaissance das erste, sein, das dir einfällt. Viele der Wurzeln der
europäischen Kultur können in diese glorreiche Zeit der Kunst, der
Wissenschaft, des Handels und der Architektur zurückverfolgt werden. Aber
wußtest du auch, dass es lange vor der Renaissance einen Ort humanistischer
Schönheit im muslimischen Spanien gegeben hatte? Dort gab es nicht nur Kunst,
Wissenschaft und Handel, sondern es wurde auch unglaubliche Toleranz, Phantasie
und Poesie an den Tag gelegt. Muslime bevölkerten Spanien annährend 700 Jahre.
Wie du sehen wirst, war es ihre Zivilisation, die Europa erhellte und ihm den
Weg aus dem Mittelalter in die Renaissance bereitet hat. Zahlreiche ihrer
kulturellen und intellektuellen Einflüsse umgeben uns sogar noch heute.
Damals im achten Jahrhundert befand sich
Europa immer noch bis zu den Knien im Mittelalter. Das war nicht das einzige,
in dem sie knietief steckten. In seinem Buch “The Day The Universe Changed,” (Der
Tag an dem sich das Universum veränderte) beschreibt der Historiker James
Burke, wie typische europäische Städter lebten:
“Die Bewohner warfen all ihre Abfälle in die Abflüsse inmitten der
engen Staßen. Der Gestank muss überwältigend gewesen sein, obwohl es so
scheint, als wäre er tatsächlich nicht weiter bemerkt worden. Mit Exkrementen
und Urin vermischt, bedeckte das dreckige Gras und Stroh die verschmutzten
Böden. (S. 32)
Diese ärmliche Gesellschaft war unter
einem Feudalsystem organisiert und besaß nur wenig, das einer kommerziellen
Ökonomie ähnelte. Zusammen mit anderen Einschränkungen verbot die katholische
Kirche, Geld zu verleihen – was nicht gerade zur Blüte des Handels beitrug. “Anti-Semitismus,
der zuvor selten gewesen war, begann sich auszubreiten. Geld verleihen, was
von der Kirche verboten war, war unter dem jüdischen Gesetz erlaubt.” (Burke,
1985, S. 32) Juden arbeiteten daran, eine Währung zu entwickeln, obwohl sie
dafür schwer verfolgt wurden. Das mittelalterliche Europa war ein miserables
Los mit seinem Analphabetismus, Aberglauben, Barbarismus und Schmutz.
Während dieser Zeit drangen die Muslime
vom Süden her nach Europa vor. Abd al-Rahman I, ein Hinterbliebener von einer
Familie der Khalifen des muslimischen Reiches, erreichte Spanien in der Mitte
des 7ten Jahrhunderts. Er wurde der erste Khalif von Al-Andalus, dem
muslimischen Teil Spaniens, der den Großteil der iberischen Halbinsel
umfasste. Er errichtete ebenfalls die Umayyiden Dynastie, die Al-Andalus über
dreihundert Jahre beherrschte. (Grolier, History of Spain). Al Andalus bedeutet: “Das Land der Vandalen”, hiervon kommt der modern Name
Andalusien.
Zuerst glich das Land dem übrigen Europa in
seinem Elend. Aber innerhalb von zweihundert Jahren hatten die Muslime
Al-Andalus zu einer Hochburg der Kultur, des Handels und der Schönheit
gewandelt.
“Bewässerungssysteme, die aus Syrien und Muslimia stammten, machten aus
den dürren Ebenen... eine landwirtschaftliche Überfülle. Oliven und Weizen
waren dort schon immer gewachsen. Die Muslime brachten Granatäpfel, Orangen,
Zitronen, Auberginen, Artichoken, Cumun, Koriander, Bananen, Mandeln, Henna, Wein,
Krapp, Safran, Rohrzucker, Baumwolle, Reis, Feigen, Trauben, Pfirsiche,
Aprikosen... ” (Burke, 1985, S. 37)
Zu Beginn des neunten Jahrhundert bildete
das muslimische Spanien mit seiner Hauptstadt Cordova das Prachtstück Eropas. Mit
dem Einsetzen von Abd ar-Rahman III – „dem großen Khalifat von Cordova” – kam
das golden Zeitalter von Al-Andalus. Cordova in Südspanien war das
intellektuelle Zentrum Europas.
Zu einer Zeit als London ein kleines
schlammiges Städchen war, das “sich noch nicht einmal mit einer einzigen
Straßenlaterne brüsten könnte“, (Digest, 1973, S. 622), hatte Cordova…
“…eine halbe Million Einwohner, die in 113 000 Häusern lebten. Es
gab 700 Moscheen und 300 öffentliche Bäder in der ganzen Stadt und ihren 21
Vororten verteilt. Die Straßen waren geebnet und gepflastert.” (Burke, 1985, S.
38)
“Die Häuser besaßen Balkons aus Marmor für
den Sommer und Heißluft – Kanäle unter den Mosaikböden für den Winter. Sie
waren verziert durch Gärten mit künstlichen Fontänen und Obstgärten.” (Digest,
1973, S. 622) “Papier, ein Stoff, der im Westen noch unbekannt war, gab es
überall. Es gab Buchläden und mehr als siebzig Bibliotheken.” (Burke, 1985, S.
38).
In seinem Buch “Spain In The Modern World”
(Spanien in der modernen Welt) erklärt James Cleuge die Bedeutung Cordovas
für das mittelalterliche Europa:
“Denn es gab in jener Epoche nichts ähnliches im übrigen Europa. Die
größten Köpfe des Kontinents blickten wegen allem, was einen Menschen von einem
Tiger unterscheidet, nach Spanien.” (Cleugh, 1953, S. 70)
Zum Ende des ersten Jahrtausends war Cordova
eine Quelle, zu der die europäische Menschheit zum Trinken kam. Studenten aus
Frankreich und England reisten heran, um den muslimischen, christlichen und
jüdischen Gelehrten zu Füßen zu sitzen, um Philosophie, Wissenschaften und
Medizin zu erlernen. (Digest, 1973, p. 622). Allein in der großen
Bibliothek von Cordova gab es über 600 000 Manuskripte (Burke, 1978, S. 122).
Diese reiche, sophistische Gesellschaft
betrachtete andere Glauben mit Toleranz. Toleranz gab es im übrigen Europa
nicht, aber im muslimischen Spanien“ lebten tausende von Christen in Frieden
und Harmonie mit ihren muslimischen Oberlehnsherren.” (Burke, 1985, S.
38)
Unglücklicherweise begann diese Periode
der Intellektualität und des ökonomischen Reichtums zu verschwinden. Von der
Gesetzgebung wegtreibend, gab es zunehmend interne Klüfte in der muslimischen
Machtstruktur. Die Harmonie der Muslime begann in kämpfende Gruppen zu
zerbröckeln. Schließlich wurden die Khalifen eliminiert und Cordova fiel in
die Hände anderer muslimischen Kräfte. “1013 wurde die große Bibliothek in
Cordova zerstört. An ihren islamischen Traditionen festhaltend, erlaubten die neuen
Herrscher, dass die Bücher zusammen mit Gelehrten Cordovas in die Hauptstädte
kleiner Emirate verteilt wurden.” (Burke, 1985, S. 40) Das intellektuelle Gut
des einst großen Al-Andalus wurde unter kleinen Städten aufgeteilt.
…die Christen im Norden taten genau das
Gegenteil. In Nordspanien vereinigten sich die verschiedenen chritlichen
Königreiche, um die Muslime vom europäischen Kontinent zu vertreiben. (Grolier,
History of Spain) Dies bereitete den letzten Akt des Mittelalters vor.
In einem anderen Werk von James Burke mit
dem Titel: “Connections,” beschreibt er, wie die Muslime das Europa des
Mittelalters aufgetaut haben. „Aber das Ereignis, das mehr für die
intellektuelle und wissenschaftliche Belebung Europas getan haben muss, war
1105 der Fall von Toledo an die Christen in Spanien.“ In Toledo hatten die
Muslime riesige Bibliotheken, welche die (für das christliche Europa)
verlorenen Werke der Griechen und Römer genauso wie die der muslimischen
Philosophie und Mathematik enthielten. „Die spanischen Bibliotheken wurden
geöffnet, offenbarten einen Schatz an klassischen und muslimischen Werken,
welche die christlichen Europäer aus dem Gleichgewicht brachten.“ (Burke,
1978, S. 123)
Die intellektuelle Plünderung Toledos
brachte die Gelehrten Nordeuropas wie die Motten zum Licht. Die Christen riefen
ein riesiges Übersetzungsprogramm in Toledo ins Leben. Sie verwendeten Juden
als Erklärer und übersetzten die muslimischen Bücher ins Latein. Diese Bücher
enthielten die Hauptwerke der griechischen Wisenschaften und Philosophie...
gemeinsam mit vielen Originalwerken muslimischer Gelehrter.” (Digest, S.
622)
“Die intellektuelle Gemeinschaft, welche
die nördlichen Gelehrten in Spanien vorfanden, übertraf das, was sie zu Hause
besaßen bei weitem, daher hinterließ dies eine ewigwährende Eifersucht auf die
muslimische Kultur, die den Westen noch jahrhunderte lang kennzeichnete.“ (Burke,
1985, S. 41)
“Die Themen der Texte beinhalteten
Medizin, Astrologie, Astronomie, Pharmakologie, Psychologie, Physiologie, Zoologie,
Biologie, Botanik, Mineralogie, Optik, Chemie, Physik, Mathematik, Algebra, Geometrie,
Trigonometrie, Musik, Meteorologie, Geographie, Mechanik, Hydrostatik, Navigation
und Geschichte.” (Burke, 1985, S. 42)
Diese Werke haben das Feuer, das zur
Renaissance geführt hat, allerdings nicht entzündet. Sie brachten Europa
Wissen, aber vieles davon blieb ungeschätzt, ohne Veränderung an der Art, wie
die Europäer die Welt betrachteten.
Bedenke, das mittelalterliche Europa war
abergläubisch und vernunftlos. “Was die intellektuelle Bombe zur Explosion
brachte, war die Philosophie, die mit (den Büchern) kam.” (Burke, 1985,
S. 42)
Die Christen fuhren damit fort, Spanien
zurückzuerobern und hinterließen eine Spur des Todes und der Verwüstung. Die
Bücher wurden verschont, aber die maurische Kultur wurde zerstört und ihre
Bevölkerung löste sich auf. Ironischerweise war es nicht nur die Stärke der
Christen, die die Muslime zu Fall gebracht hat, sondern die Unstimmigkeiten in
den eigenen Rängen der Muslime. Wie die Griechen und Römer, die ihnen
vorausgegangen waren, verfielen die Muslime von Al-Andalus dem moralischen
Verfall und wandten sich vom Intellekt ab, der sie großartig hatte werden
lassen.
Die Übersetzungen wurden fortgesetzt, als
jeder muslimische Hafen an die Christen gefallen war. 1492 in demselben Jahr,
in dem Kolumbus die Neue Welt entdeckt hatte, wurde Granada, die letzte
muslimische Enklave, eingenommen. Die Fänger des Wissens waren aber keine
Inhaber von Weisheit. Traurigerweise wurden alle Juden und Muslime, die ihre
Religion nicht aufgeben wollten, entweder getötet oder vertrieben. (Grolier,
History of Spain). So ging eine Epoche der Toleranz zu Ende und alles, was von
den Muslimen blieb, waren ihre Bücher.
Es ist faszinierend, wenn man überlegt,
wieviel Europa eigentlich von den muslimischen Texten gelernt hat und sogar
noch großartiger ist zu sehen, wie lange es angehalten hat. Aufgrund der Flut
des Wissens begannen die ersten Universitäten zu erscheinen. Kollege- und
Universitätsgrade wurden entwickelt (Burke, 1985, S. 48). Die Ziffern, die wir
heute verwenden, kamen direkt von den Muslimen. Sogar das Konzept von der
„null“ (zero ist ein muslimisches Wort) kam von den Übersetzungen. (Castillo
& Bond, 1987, S. 27). Es ist ebenfalls gerechtfertigt, zu sagen, dass die
Architekturkonzepte von den muslimischen Bibliotheken kamen. Mathematik und
Architektur wurden in den muslimischen Texten erklärt und zusammen mit
muslimischen Werken über Optik führten sie zu den perspektivischen Malereien
der Renaissance. (Burke, 1985 S. 72). Die ersten
Juristen machten sich unter Verwendung des neu übersetzten Wissens als Leitung
an ihr Werk. Sogar die Essgeräte, die wir heute verwenden, stammen aus den
Küchen Cordovas! (Burke, 1985 S. 44) Alle diese Beispiele zeigen nur einige
der Arten, wie Europa von den Muslimen verändert wurde.
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