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Von Charterhouse ging ich nach
Cambridge, wo ich meine Pflichtstudien vernachlässigte, die mir trivial und
langweilig zu sein schienen, zugunsten der einzigen Studie, auf die es ankam. Es
war im Jahr 1939. Der Krieg war ausgebrochen, gerade bevor zur
Universität ging; zwei Jahre noch, dann würde ich zur Armee kommen. Es schien
sehr wahrscheinlich, dass es den Deutschen gelingen wurde, mich zu töten, wie
ich es immer von ihnen gedacht hatte. Mir blieb nur ein wenig Zeit, in der ich
die Antworten auf die Fragen, die immer noch Besitz von mir ergriffen hatten, finden
konnte, aber dies brachte mich keiner der organisierten Religionen ein Stückhen
näher. Wie die meisten meiner Freunde schätzte ich die Kirche gering und auch
all jene, die mit den Lippen einem Gott anbeteten, den sie nicht kannten; aber
ich war bald gezwungen, diese Feindlichkeit zu dämpfen. Ich erinnere mich nach
über einem halben Jahrhundert noch deutlich an diese Szene. Einige von uns
hingen nach dem Abendessen in der Halle des Kings Colleges Kaffee trinkend
herum. Das Gespräch wechselte zur Religion. Am Kopfende des Tisches saß ein
Student der ersten Semester, der allgemein wegen seiner Intelligenz, seinem
Witz und seiner Weltklugheit bewundert wurde. In der Hoffnung, ihn zu
beeindrucken, nutzte ich den Vorteil einer kurzen Stille und sagte: „Kein
intelligenter Mensche glaubt heutzutage an den Gott der Religion!“ Er blickte
mich ziemlich bedauernd an, bevor er antwortete: „Ganz im Gegenteil, heutzutage
sind die intelligenten Menschen die einzigen, die an Gott glauben.” Ich wäre
am liebsten außer Sicht unter den Tisch versunken.
Ich hatte allerdings einen weisen
Freund, einen Mann, vierzig Jahre alt, meinen Senior, den ich absolut
überzeugend fand. Es war der Schriftsteller L. H. Myers, in jener Zeit als
“der einzige philosophische Novelist, den England hervorgebracht hat“. Sein
Hauptwerk “Die Wurzel und die Blume” (‘The Root and the Flower’) beantwortete
nicht nur viele dieser Fragen, die an mir nagten, sondern sie übermittelten mir
einen hervorragenden Sinn für Gelassenheit verbunden mit Mitgefühl. Es schien
mir, dass Gelassenheit der größte Schatz sei, den man in diesem Leben besitzen
könnte und dass Mitgefühl die größte Tugend sei. Hier war sicherlich ein Mann,
den kein Sturm erschütterte, und der den Tumult der menschlichen Existenz mit
dem Auge der Weisheit überstand. Ich schrieb ihm, und er antwortete prompt.
Die nächsten drei Jahre schrieben wir einander mindestens zweimal im Monat. Ich
schüttete ihm mein Herz aus, während er, in der Überzeugung, in diesem jungen
Verehrer jemanden gefunden zu haben, der ihn tatsächlich verstand, antwortete
auf die gleiche Art. Zufällig trafen wir uns und dies untermauerte unsere
Freundschaft.
Also, nichts war so, wie es erschien.
Ich fing an, in seinen Briefen eine Note innerer Qualen, Traurigkeit und
Hoffnungslosigkeit zu entdecken. Als ich ihn fragte, ob er alle Gelassenheit
in seine Bücher packte und nichts für sich selbst übrig ließ, antwortete er:
„Ich denke, dein Kommentar war scharfsinnig und vielleicht wahr.“ Er hatte
sein gesamtes Leben dem Trachten nach Vergnügungen und dem Streben nach
´Erfahrungen´ gewidmet (sowohl edel als auch schmutzig, wie er sagte). Wenige
Frauen, aus der High Society oder einfache, waren in der Lage gewesen, seiner
erstaunlichen Kombination aus Reichtum, Charme und gutem Aussehen zu
widerstehen; er, seinerseits, hatte keinen Grund, ihren Verführungen zu
widerstehen. Von Spiritualität und Mystizismus fasziniert, gehörte er keiner
Religion an und gehorchte keinen konventionellen Moralgesetzen. Jetzt fühlte
er, dass er langsam alt wurde, und er konnte die Aussicht nicht ertragen. Er
hatte versucht, sich zu ändern und sogar seine Vergangenheit zu bereuen, aber
es war zu spät. Wenig mehr als drei Jahre nachdem unsere Korrespondenz
begonnen hatte, beging er Selbstmord.
Meine Zuneigung zu ihm hielt an
und im gegebenen Moment nannte ich meinen ältesten Sohn nach ihm; aber Leo
Myers Tod lehrte mich mehr, als ich von seinen Büchern lernen konnte, obgleich
es einige Jahre dauerte, bis ich seine vollständige Bedeutung verstand. Seine
Weisheit hat nur in seinem Kopf bestanden. Sie ist in seine menschliche
Substanz nie eingedrungen. Ein Mann kann sein gesamtes Leben damit verbringen,
spirituelle Bücher zu lesen und die Schriften großer Mystiker zu studieren. Er
konnte fühlen, er sei in die Geheimnisse der Himmel und der Erde eingeweiht,
aber solange dieses Wissen sich nicht auf sein Wesen auswirkt und ihn
verändert, war es unfruchtbar. Ich fing an, zu vermuten, dass ein kleiner,
gläubiger Mann, der mit wenig Verständnis aber aus ganzem Herzen zu Gott betet,
wertvoller sein könnte, als der gelehrteste Student der Geisteswissenschaften.
Myers war grundsätzlich von einer
Studie von Hindu Vedanta, der metaphysischen Doktrin im Kern des Hinduismus,
beeinflusst gewesen. Das Interesse meiner Mutter an Raja Yoga hatte mich
bereits in diese Richtung gewiesen. Vedanta galt jetzt mein Hauptinteresse und
letztendlich führte mich dieser Weg zum Islam. Dies wird auf die meisten
Muslime schockierend wirken und jedermann in Erstaunen versetzen, der sich
bewusst ist, dass die absolute Grundlage des Islam jeglichen Götzendienst
kompromisslos verdammt, und doch ist mein Fall nicht der einzige. Was auch
immer die hinduistischen Massen glauben mögen, Verdanta ist eine Doktrin der
reinen Einheit, der einzigartigen Wirklichkeit und steht daher für das, was der
Islam als Tauhid bezeichnet. Muslime sollten weniger Schwierigkeiten als
andere damit haben, dass eine Doktrin der Einheit das Fundament in allen
Religionen bildet, welche die Menschheit von Anfang an genährt haben, egal
welchen götzendienerischen Illusionen ´den Juwel des Lotus´ überdeckt haben,
genau wie der individuelle Götzendienst den Kern des Herzens überdeckt. Wie
könnte es sonst sein, da Tauhid die Wahrheit ist, und mit den Worten eines
großen christlichen Mystikers, ´die Wahrheit ist dem Menschen angeboren´?
Viel zu schnell endete meine Zeit in
Cambridge, und ich wurde an das Royal Military College, Sandhurst, geschickt,
das ich nach fünf Monaten als junger Offizier verließ, angeblich bereit, zu
töten oder getötet zu werden. Um mehr über die Kunst des Krieges zu lernen,
wurde ich dann zu einem ´Zusatz´ wie sie es nannten, zu einem Regiment im
Norden Schottlands geschickt. Hier war ich mir selbst überlassen und
verbrachte meine Zeit entweder mit Lesen oder Spaziergängen auf den
gigantischen Granitklippen oberhalb der tosenden Nordsee. Es war ein sehr stürmischer
Ort, aber ich fühlte einen Frieden wie nie zuvor. Je mehr ich von Verdanta las
und auch von der alten chinesischen Doktrin des Taoismus, desto sicherer wurde
ich, dass ich zumindest ein wenig Verständnis von den Naturdingen besaß und die
ultimative Wirklichkeit, neben der alles andere nur wenig mehr als ein Traum
war, wenn auch nur in Gedanken und Vorstellungen flüchtig betrachtet hatte. Bis
jetzt war ich nicht darauf vorbereitet, diese Wirklichkeit ´Gott´, geschweige
denn Allah zu nennen.
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